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Margot Kässmann - Christsein in der einen Welt

last modified 2006-08-25 09:23

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann sprach im Rahmen der Reihe Wissenschaft, Technik und Ethik, 1. Februar 2006


1. In Europa hat eine deutliche Distanzierung vieler Menschen von den christlichen Kirchen stattgefunden.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen zur Kirche gehörten, im christlichen Glauben erzogen wurden, christliche Rituale praktizierten scheint verloren gegangen. Damit unterscheidet sich Europa von Afrika, Asien und Lateinamerika, wo die christlichen Gemeinden deutlich wachsen und auch von den USA, wo Religiosität zur Normalität gehört. In Deutschland gibt es schon Diskussionen, wenn der Bundespräsident sagt: Gott segne unser Land, in Europa laufen die Laizisten schon Sturm, wenn ein Gottesbezug oder der Verweis auf die jüdisch-christlichen Wurzeln in die Präambel der EU-Verfassung aufgenommen werden soll.

Dabei will ich keinesfalls in einen Lamentogesang einstimmen. Zum einen sind die Kirchen inzwischen dabei, die Situation konstruktiv und offensiv aufzunehmen, eine neue Balance zwischen Innovation und Tradition zu finden, deutlicher und klarer von dem zu reden, was sie glauben. Und: Meines Erachtens verändert sich die Lage zur Zeit. Anders als vor einigen Jahren suchen viele Menschen in unserem Land nach Orientierung, und so manche fragen neu und ernsthaft nach der Kirche.

So hat etwa die Flutkatastrophe in Südostasien laut Meinungsforscherin Prof. Elisabeth Nölle nach Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach eine gewisse Nachdenklichkeit in der deutschen Bevölkerung hervorgebracht. Zwischen Anfang Dezember 2004 und Anfang Januar 2005 ist der Anteil derer, die den Glauben als wichtig einstufen, von 45 auf 52 % gestiegen, so die Demoskopin. Gleichzeitig sei der Anteil derer, die den Glauben für überholt halten, von 34 auf 28 % gesunken. In den neuen Bundesländern sei die Zustimmung zu der Aussage, der Glaube sei heute noch wichtig, binnen eines Monats von 27 auf 35 % hochgeschnellt. Dieser Wert übersteigt den Anteil der Kirchenglieder in Mitteldeutschland (26 %) deutlich. Anscheinend bewerten die Deutschen die Zukunft der Religion neu. So sind es inzwischen nicht mehr 14 % wie im Dezember 2004, sondern 21 % der Deutschen, die der Ansicht sind, der Glaube werde zur Zeit wichtiger, vor allem auch die bewusste Beschäftigung mit den christlichen Traditionen. Und wer die Weihnachtsausgaben der großen Wochenblätter angeschaut hat, kann geradezu von einer Renaissance der Religion sprechen.

 

Allerdings ist dieses Glauben nicht immer gleich christlich und schon gar nicht gleich kirchlich. Eine Würzburger Studie zum Weltjugendtag hat gezeigt, dass die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland erklärt, sie glaube an Gott, will aber nichts mit der Institution Kirche zu tun haben. Im Zeitalter der Individualität der Konsumgesellschaft aber basteln sich viele Menschen lieber ihre eigene Religion zusammen, als sich auf Gemeinschaft und Konsenssuche einzulassen. Ein bisschen Buddhismus ist dann schick. Ein bisschen Islam wirkt streng. Ein bisschen Kabalah - Madonna zeigt, wie man das macht! Oder Sinead O'Connor, die einst noch den Papst beleidigte und sich heute als katholische Priesterin sieht. Religion ist in, alle basteln sich ihr Teil. Cat Stevens ist jetzt Jusuf Islam und auch Cassius Clay wurde zu Muhammad Ali. Vermarktung von Religion, Patchwork-Religion, das ist respektabel in der Welt, in der die, die sich alles kaufen und selbst zusammenstellen, die wahren Helden sind. Gegenüber der individualistischen Patchwork-Religion muss das Christentum nun allerdings auf der biblischen Basis beharren, die Gemeinschaft zur Grundlage hat. Sinnstiftung entsteht durch konkrete Religion und nicht durch diffuse Religiosität. Christlicher Glaube bindet sich an die Bibel.

Deshalb muss das Christentum in der Zukunft widerständig bleiben, Mut zeigen, eine Orientierungsleistung erbringen in der globalisierten Welt. Unsere Gemeinschaft basiert darauf, dass dieselben Texte der Bibel gelesen und verkündigt werden und in den Kontext inkulturisiert werden. Diese Grundgeschichten der Menschheit vom Paradies bis zur Offenbarung, sie haben Gemeinschaft stiftende Sinnkraft. Das Christentum tut gut daran, darauf zu beharren, das nicht preiszugeben. Welche Texte werden sonst geteilt um den ganzen Erdkreis herum? Es fasziniert mich immer wieder am Christentum, dass die biblischen Texte seit 2000 Jahren in den unterschiedlichsten Kontexten Relevanz bewiesen haben. Und: in den unterschiedlichsten Kulturen dieser Erde, von Indonesien bis Brasilien, vom Sudan bis nach Malta hat sich gezeigt, dass Menschen sich hierauf verlassen können. Die οικουμενη - der ganze bewohnte Erdkreis - ist wohl die erste Globalisierungsbewegung der Welt. Unsere Kirche ist immer local actor und global player zugleich.

Martin Luther hat immer wieder darauf beharrt, dass die Bibel der Maßstab für unsere Religion ist. Das hier in Deutschland großer Nachholbedarf besteht, erlebe ich immer wieder.

Ende 2004 war ein Fernsehteam bei mir. Das ZDF suchte mal wieder Unsere Besten, dieses Mal die besten Bücher. Und weil man davon ausging, dass die Bibel unter die ersten zehn kommen würde, - das stimmt ja schon hoffnungsfroh! -sollte ich auf Fragen antworten als Plädoyer für die Bibel. Ich habe eingewilligt, die Journalistin stellte ihre drei Fragen: Können Sie mal in einem Satz zusammenfassen, was in diesem Buch so drin steht? Zweitens: Würden Sie dieses Buch als Urlaubslektüre empfehlen? Und schließlich drittens: Finden Sie, dieses Buch ist Weltliteratur? Puh! Sie können sich vorstellen, das war gar nicht so einfach. Und immer soll es GANZ kurz sein. Anschließend meinte der Kameramann: Meinen Sie echt, da sollte man reinschauen, auch wenn man mit der Kirche nichts am Hut hat? - Klar, habe ich gesagt. Auch wer nicht Christ ist, muss etwas von der Bibel wissen. Das ist doch eine Frage der Bildung. Sie können europäische Geschichte, Kultur, Architektur überhaupt nicht begreifen, wenn Sie die Bibel nicht kennen. Oder denken Sie an die Umgangssprache Der Wolf im Schafspelz, Tohuwabohu, das Licht unter den Scheffel stellen, unter aller Kanone - kommt alles von der Bibel! Voll cool!, hat er gesagt.

2. Das Christentum ist die erste Globalisierungsbewegung überhaupt.

Es ist der Apostel Paulus, der wie kein anderer für die Ausbreitung des neuen Glaubens steht. Unermüdlich bereist er Gebiete im heutigen Israel und Syrien, auch das Gebiet der heutigen Türkei sowie Zypern, und schließlich ist in Kapitel 16 der Apostelgeschichte nachzulesen, wie er einen Ruf nach Mazedonien vernimmt.

Mit seiner Reise dorthin und schließlich seiner letzten Reise über Kreta, Malta und Sizilien nach Rom wird sich das Christentum vom Süden her in ganz Europa ausbreiten und dann wiederum von Europa in die ganze Welt. Zunächst ist es noch unterdrückte Minderheit, die mit grausamen Verfolgungen zu rechnen hat, bis Kaiser Konstantin mit dem Toleranzedikt von Mailand 313 das Christentum zur offiziell erlaubten Religion im Römischen Reich machte - das, was die Geschichtsschreibung die Konstantinische Wende nennt. Noch wurde das Christentum nicht zur Staatsreligion im römischen Reich, das geschah erst unter Kaiser Theodosius I. Konstantin aber legte dafür das Fundament, indem er das Christentum besonders förderte, die Stellung der Bischöfe stärkte, seine Söhne im christlichen Glauben erziehen ließ, nicht-christliche Münzembleme verschwinden ließ und zunehmend christliche Beamte bevorzugte. Konstantin berief 325 mit dem Konzil von Nicäa zudem das erste ökumenische Konzil ein. Heute ist die europäische Kultur, die Geschichte, Architektur und Literatur ohne das Christentum gar nicht verständlich.

Von Europa ging aber nun nicht nur die weltweite Verbreitung des Glaubens aus, sondern auch die Spaltung der Christenheit. 1054 erreichte die große Spaltung zwischen Ostkirche und Westkirche ihren Endpunkt, die bis heute die Christenheit prägt. Wer sich die neue EU-Grenze anschaut, kann mit Erstaunen feststellen, dass seine Grenze fast jener Spaltung entspricht. Dann folgte das Zeitalter der Reformation, in der Westkirche eine große Umbruchsituation, die sich schon angedeutet hatte mit Jan Hus und anderen Reformbewegungen. Luther, unterstützt von der Erfindung des Buchdrucks und einigen Fürsten samt ihren Interessen wurde zum Wegbereiter. Schließlich war Europa auch Schauplatz der Entstehung der anglikanischen Kirche sowie der Spaltung zwischen römisch-katholischer und alt-katholischer Kirche, der Entwicklung der lutherischen und reformierten Kirche sowie später der großen historischen Friedenskirchen.

 

Wo die christlichen Kirchen ihrem Herrn treu blieben, entfaltete sich die ganze Fülle des Glaubenslebens in beeindruckender Kreativität. Ich denke an die Klöster, die wunderbaren Altäre, an die Musik und auch die Sprache, die sich im Zuge der Reformation in den einzelnen Nationen durch die Übersetzung der Bibel in die Volkssprache entwickelte. Wo die christlichen Kirchen sich allerdings verführen ließen zu Macht, Herrschaftsdenken und Ideologie, trugen sie bei zu Zerstörung und Menschenverachtung, ich denke an die Hexenverfolgung, den Holocaust und manches Segnen von Waffen. Erbittert haben die christlichen Kirchen gestritten um den Wahrheitsanspruch ihrer Kirche. Grauenvolle Kriege wurden in Sachen christlicher Wahrheit gefochten, denken wir allein an den 30-jährigen Krieg, das unsägliche Leiden der Menschen und bis heute die Auseinandersetzungen in Nordirland, die unter dem Label evangelisch-katholisch geführt werden. Wo die Kirchen im Dialog mit der Wissenschaft stehen, entstand ein kreativer Dialog. Wie die Kirchen meinten, Denken einschränken zu können, verloren sie an Überzeugungskraft.

Zudem hat Europa die Spaltung der Christenheit mit der Mission in alle Welt getragen. Ein pazifischer Bischof hat mir einmal erzählt: Letzten Endes sind wir eine große Gemeinschaft auf unserer Insel bis auf den Sonntagvormittag. Um zehn Uhr geht ein Teil von uns in die römisch-katholische Kirche, eine andere Gruppe in die baptistische Kirche und wieder eine andere in die lutherische. Die Unterschiede versteht eigentlich niemand.

Das 20. Jahrhundert hat ökumenisch einen ernormen Durchbruch gebracht. Erstmals seit den Jahrhunderten der Spaltungen haben sich die christlichen Kirchen aufeinander zu bewegt. Ansporn hierfür waren zwei Elemente: Die missionarische Herausforderung und die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges. 1910 versammelten sich in Edinburgh Missionsexperten, weil sie die Glaubwürdigkeit der christlichen Kirchen auf dem Feld der Mission durch die Spaltungen in Denominationen und Konfessionen gefährdet sahen. Hieraus ist die ökumenische Bewegung erwachsen. Es entstand die Bewegung für Praktisches Christentum, die die Einheit der Kirche auf dem Weg des gemeinsamen Dienstes sieht und die Bewegung für Glauben und Kirchenverfassung, die durch Übereinstimmungen in der Lehre den Weg zur Einheit der Kirche finden will. Freundschaften entwickelten sich, Gemeinschaft entstand, auch über die Gräben des Ersten Weltkrieges hinweg. Das zeigt, wie wichtig die persönliche Begegnung für die Ökumene ist! Vielleicht braucht sie eine Art Theologie der Freundschaft. Vor allen Dingen aber hat sich die ökumenische Gemeinschaft, die stetig wuchs, in den 30er und 40er Jahren über die Gräben des Zweiten Weltkrieges hinaus erhalten. Das ist ein Wunder, für das wir Gott dankbar sein können. Gerade die deutschen Kirchen haben hier vieles zu danken. Dass sie 1948 zu den Gründungskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen gehören durften, war ein Zeichen der Versöhnung, das bis heute wirkt. Delegierte aus Holland, der Schweiz, Frankreich besuchten den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland bei seiner ersten Sitzung nach dem Krieg, und es kam zu dem Schuldbekenntnis, über das Dietrich Bonhoeffer und Wilhelm Visser't Hooft bereits gesprochen hatten.

Der Ökumenische Rat der Kirchen hat in den ersten Jahrzehnten seiner Existenz große Hoffnungszeichen gesetzt. Das gilt sowohl für die Einheit der Kirchen im Sinne des Lehrgespräches, der Arbeit von Glauben und Kirchenverfassung, die ihren Höhepunkt fand in dem Dokument Taufe, Eucharistie und Amt 1982 in Lima. Und er hat Zeichen gesetzt für die Einheit der Kirche, die auch für die Einheit der Menschen eintritt, für die Gemeinschaft von Menschen aus allen Rassen und Völkern. Das waren für die europäischen Kirchen manches Mal schwierige Lernprozesse! Energisch haben die Kirchen aus der sogenannten Dritten Welt sich zu Wort gemeldet und Gehör gefunden. Energisch hat das Programm zur Bekämpfung des Rassismus auch Lehre und Praxis der Kirchen angefragt. Für mich persönlich ist weiterhin der Höhepunkt die Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung 1990 in Seoul, Korea.

Im 20. Jahrhundert haben die Kirchen Europas gelernt: Diese christliche Kirche, die wir jeden Sonntag im apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen, ist eine. Eine heilige, christliche Kirche. Sie ist die Kirche, die wir glauben, die in Jesus Christus vorgegeben ist. Diese Kirche manifestiert sich in vielen Kirchen weltweit. In der Vielfalt der Kontexte und Denominationen ist die Una Sancta, die eine heilige christliche Kirche zu finden. Jede Kirche ist nur eine Provinz der Weltchristenheit (E. Lange).

Inzwischen gibt es Kirchen, die sich vollkommen loslösen von den dogmatischen Differenzen der europäischen Mutterkirchen. Nehmen wir die Kirche des Evangelisten Simon Kimbangue in Zaire, eine der größten Kirchen Afrikas. Diese ist allerdings noch Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen. Es gibt inzwischen Schätzungen, dass nahezu die Hälfte aller Christinnen und Christen auf der Welt nicht mehr einer der traditionellen konfessionellen Kirchen - römisch-katholisch, reformatorisch oder orthodox - angehören, sondern einer der großen freien christlichen Bewegungen im Pfingstbereich. Das gilt insbesondere für Afrika und Lateinamerika. Eine chinesische Pastorin sagte mir kürzlich: We are post-confessional. Nehmen wir das überhaupt wahr? Wie gehen wir damit um? In unseren Großstädten in Deutschland gibt es beispielsweise unzählige christliche Auslandsgemeinden, die anscheinend völlig außerhalb unseres Blickfeldes existieren und Gottesdienst feiern. Oder ich nehme die nette niedersächsische Kleinstadt Gifhorn: 24 Religionsgemeinschaften, 40.000 Einwohnern. Kurzum: die traditionellen Kirchen mit ihren konfessionellen Grundüberzeugungen stehen vor enormen Herausforderungen und zwar gemeinsam.

3. Christsein meint weltweite Verantwortung.

1991 flog ich zu einer Tagung des Ökumenischen Rates der Kirchen nach Australien. So sehr ich mich immer im Leben auf neue Erfahrungen gefreut habe, so mulmig war mir dieses Mal zumute. Der Golfkrieg begann, Europa fühlte sich von Saddam Husseins Raketen bedroht und ich ließ meine Familie zurück. Außerdem war ich mit dem vierten Kind schwanger. Ziemlich erschöpft kam ich am Samstag Abend in Sydney an. Eine große Stadt, niemand da, den ich kannte...

Am nächsten Morgen ging ich zur Kirche, einfach so, eine methodistische Gemeinde habe ich erwischt. Und da, so weit in der Fremde, war es aber dann wie Heimat. Kyrie, Gloria und Psalm, Glaubensbekenntnis, Predigt und Fürbittengebet. Ich kannte die Melodien der meisten Lieder. Vertraut auch die Anordnung: Altar mit Kreuz, Kanzel, Gemeinde. Im Anschluss an den Gottesdienst gab es Tee und Kaffee im Gemeindehaus, die Menschen haben mich freundlich aufgenommen, nachgefragt, ja, wie Brüder und Schwestern eben, Teil einer großen Familie.

 

Mich hat das im Leben immer wieder fasziniert: Menschen bauen Gotteshäuser, um zusammen zu kommen, zu singen, Gottes Wort zu hören, zu beten. Das können Iglus sein oder Paläste, das kann Gotik sein oder Barock. Daran wird noch einmal ganz deutlich: das Christentum ist eine Gemeinschaftsreligion. Seit Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern durch Palästina wanderte, ist Gemeinschaft prägend für die, die ihm nachfolgen. Sie blieben zusammen nach seinem Tod, gemeinsam haben sie erfahren, dass dieser Tod nicht das Ende war, sondern ein Anfang. Und dann, beim ersten Pfingstfest, haben sie erlebt, dass dieser Glaube an den auferstandenen Christus nicht nur sie be-geistert, sondern auch andere. Plötzlich wurde für alle verständlich, wovon sie sprachen. Daran denke ich manchmal, wenn ich in einem Gottesdienst mit Menschen vieler Nationen bete. Es heißt dann in der Einladung meistens: Wir sprechen das Vaterunser, jeder und jede in der eigenen Muttersprache. Dann entsteht ein großes Murmeln, das beängstigend sein könnte, wenn ich nicht wüsste: wir sprechen alle dasselbe Gebet, das Menschen in der Sprache ihrer Herkunft vertraut ist. Das ist im Grunde jedes Mal ein nachgeholtes Pfingstwunder. Statt der Sprachverwirrung bei Turmbau zu Babel wird Einigkeit mitten in der Vielfalt unserer Nationen und Kulturen erkennbar.

Und das Abendmahl ist sozusagen das Markenzeichen dieser Gemeinschaft. Da entsteht communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen und Teilhabe am Heiligen. Die Heiligen, das sind Menschen, die sich ganz und gar Gott anvertrauen. Wenn ich an einem Ort Abendmahl feiere, dann tue ich das mit den Menschen um mich herum, aber doch auch in Gemeinschaft mit denen, die auf der ganzen Welt, an vielen verschiedenen Orten Brot und Wein teilen. Und gerade weil es Zeichen der Gemeinschaft ist, bedrückt viele, dass nicht alle Christen auf der Welt es gemeinsam feiern können. Ich denke, Christus ist der Einladende und deshalb sind alle eingeladen, die zur Familie der Christinnen und Christen weltweit gehören. Mich berührt oft, wenn ich Abendmahl selbst austeile, wie diese Gemeinschaft entsteht zwischen völlig Fremden. Sie ist durch den gemeinsamen Glauben gestiftet, da ist Vertrauen möglich zwischen Menschen, die sich nicht kennen. Auch das beheimatet. Und es fordert heraus. Wer Brot und Wein teilt, sollte auch die Güter der Welt teilen. Manche nennen das einen eucharistischen Lebensstil.

Wenn wir auf die Gotteshäuser sehen, beeindruckt mich immer wieder, wie verschieden sie sind! Als ich einmal in Korea gepredigt habe, führte mich der Kirchenvorsteher mich zum Altarraum. Der war ganz mit rotem Plüsch ausgelegt und er bat mich, in ein paar Plüschpantoffeln zu steigen, wohl damit die Schuhe keine Abdrücke hinterließen. Auf der Kanzel stand dann auch noch ein Telefon und ich fragte mich während der Predigt, was ich wohl tun würde, wenn es klingeln sollte. In Chile saß ich in einem Gottesdienst der Pfingstkirche in einer ziemlich heruntergekommenen Holzbaracke. Beim Lied vor der Predigt kam jemand zu mir, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: Du Schwester, darfst und heute das Wort Gottes auslegen! Andere Länder, andere Sitten, zum Glück hatte ich durch die Übersetzung genügend Zeit, jeweils den nächsten Teil zu überlegen. In der Kapelle auf dem Frankfurter Flughafen bat mich einmal eine Christin aus Indonesien, sie zu segnen, weil sie Angst hatte, nach Hause zurück zu kehren. In einem armen Dorf in Russland habe ich gestaunt, wie viel Gold in der kleinen Kirche eingearbeitet war. Die Menschen hatten das Beste und Schönste gegeben, was sie hatten, um Gott die Ehre zu geben, aber wohl auch um für sich und ihren Glauben mitten im harten Alltag einen Ort der Schönheit zu bauen.

Die christliche Religion mahnt, Freiheit nicht als Egomanie zu verstehen, sondern als Bindung an Gemeinschaft. Ziel von Globalisierung ist dann nicht Wertschöpfung von Kapital, sondern soziale Gerechtigkeit in weltweiter Dimension. Ich halte es für falsch, Globalisierung zu verteufeln, wir müssen sie gestalten, im Dialog (Bsp. WEF 2002, WSF 2003). Dazu können Christinnen und Christen viel beitragen. Während viel von Globalisierung die Rede ist, wird meist ausgeblendet, wie die Realität in Afrika, Asien und Lateinamerika, ja auch in Osteuropa aussieht. In der Bibel wird Gerechtigkeit immer daran gemessen, wie es den Schwächsten ergeht. Bei 24.000 Kindern, die täglich an Hunger und Mangelernährung sterben, können wir nur von abgrundtiefer Ungerechtigkeit sprechen.

Christinnen und Christen verstehen Menschen in anderen Ländern als Gottes Ebenbilder wie sie selbst. Sie sind unsere Schwestern und Brüder. Wir gehören zur einen Familie der Menschheit, die Gott geschaffen hat. Deshalb sehen Christinnen und Christen Flüchtlinge nicht als Schmarotzer an, sondern als Botschafter des weltweiten Elends. Deshalb hat sich unsere Kirche eingesetzt für ein Zuwanderungsgesetz, das Härtefälle regelt. Und deshalb gewähren einzelne Gemeinden Kirchenasyl in Fällen, in denen mitten in der säkularen Gesellschaft die Glaubensüberzeugung, Fremden in Not zur Hilfe verpflichtet zu sein, zu der Entscheidung führt, Menschen vor einer wahrscheinlichen Gefahr für Leib und Leben bei der Abschiebung in ihre Heimatländer zu schützen, indem sie in kirchlichen Räumen beherbergt werden. Den Fremdling schützen, das ist biblisches Gebot. Weltweit werden unsere Partnerkirchen unterstützt, etwa im Kampf gegen AIDS in Südafrika, gegen Genitalverstümmelung in Äthiopien, im Einsatz für die Landlosen in Brasilien oder im Kampf gegen die Prostitution in Europa. Globalisierung kann nur Sinn machen, wenn nicht der Profit weniger, sondern Nahrung, Obdach, medizinische Versorgung, Freiheit und Bildung für alle das Ziel ist. Die Gespräche sind dabei oft nicht einfach. Der Respekt vor kulturellen Unterschieden muss gewahrt bleiben. McDonaldisieurng ist doch ein Verlust. Das Fremde fremd sein lassen ist wichtig und es nicht gleich in meine Kategorien pressen. (Beispiel: Lutherische Bischöfe/AIDS).

Es gibt in unserer so mobilen und technisierten Welt unendlich viele erschöpfte und verletzte Seelen, die Sehnsucht haben nach Sinn. Sie brauchen Halt und Menschen, die zuhören, behutsam mit der Seele umgehen. Und das braucht auch die Gesellschaft. Sie muss sich auf gemeinsame Grundwerte verständigen, die akzeptiert sind. Ich will nun nicht überheblich erklären, die christlichen Werte seien für unsere Welt die einzig mögliche Lösung. Wir müssen andere Kulturen und Werte ernst nehmen. Allerdings bin ich überzeugt, dass sie ein gewichtiges Angebot darstellen, die Zehn Gebote etwa, das Gebot der Nächstenliebe, die Würde jedes Menschen, die sich aus der Gottebenbildlichkeit ableitet. Das Christentum hat lange gebraucht, diese Rechte und Regeln für alle Menschen gleich geltend anzusehen: für Frauen und Männer, für Menschen aller Herkunft und Hautfarbe. Alle Menschen sind gleichermaßen Gottes Ebenbild, und diese Regeln gelten für sie alle.

Diese Werte können wir einbringen in den globalen Dialog. Das Projekt Weltethos von Hans Küng zeigt m.E., dass sie vermittelbar sind und grundsätzlichen Wertvorstellungen in allen Religionen entsprechen. Wir brauchen nicht nur eine Globalisierung von Ökonomie und Politik, sondern auch eine Globalisierung von Ethik! Deutlich ist doch: auch Wirtschaft braucht Werte. Gerade in der christlichen Tradition bleibt Verantwortung ein hohes Gut. Eine der tiefsten Krisen der deutschen Wirtschaft besteht meines Erachtens darin, dass Misstrauen gewachsen ist. Meldungen, in denen von exorbitanten Gewinnsprüngen bei gleichzeitigem Arbeitsplatzabbau berichtet wird, sind der Glaubwürdigkeit der Wirtschaft abträglich. Gemeinwohl und Eigennutz müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen. Das Victory-Zeichen von Herrn Ackermann hat der Deutschen Bank vielleicht mehr geschadet als mancher Kurseinbruch. Die Diskrepanz zwischen Millionenabfindungen und Massenentlassungen ist ein Symbol dafür. Die Glaubwürdigkeit von Einzelnen spielt in der Wirtschaft durchaus eine Rolle. Die Anonymität, die durch globale Unternehmen entstanden ist, kann letzten Endes keine Wertschöpfung erarbeiten. Wertschöpfung erfolgt auch durch Wertschätzung.

Eine Frage, die an die Wirtschaft ja zu stellen ist, wäre: Hat eigentlich alles einen Preis oder wird verhandelt, koste es was es wolle? Gibt es ein Ethos, das mich einen Vertrag ablehnen lässt? Erst wo Menschen ihre Persönlichkeit entfalten, persönlich bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, kann Kreativität in Gang gesetzt werden. Vorbilder sind gefragt, weltweit. (Beispiel Nelson Mandela)

 

4. Christsein hat Konsequenzen.

Ich denke, zuallererst müssen Christinnen und Christen wissen, was sie glauben. Auf dieser Grundlage können sie die wunderbare Erfahrung machen, dass andere auch glauben, wenn auch manchmal sehr anders. (Rom-Beispiel). In jedem Fall aber verändert das meinen Blick auf die Welt. Ich sehe den anderen. Menschen sind keine Ware, keine Masse. Und es gibt keine überflüssigen Menschen auf überflüssigen Kontinenten (Hinkelammert). Und dann engagiere ich mich vielleicht in der clean-clothes-campaign. Oder ich frage mich, ob der Energieverbrauch weiter steigen muss oder ob es nicht auch eine Ethik der Grenze, des Genug gibt. Ich übernehme Mitverantwortung für diese Welt. (Beispiel: 1983 Vancouver - Konziliarer Prozess!)

 

In der kommenden Woche beginnt in Porto Alegre die 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Die Kirchen aus Afrika, Asien und Lateinamerika werden drastisch vor Augen führen, wie die Armut bei ihnen steigt. Solidarität darf aber nicht an der Grenze Europas Halt machen. Beispielsweise ist Armut in den Ländern des Südens weiblich. Zwei Drittel der weltweit 1,3 Milliarden Menschen, die mit weniger als einem Dollar am Tag überleben müssen, sind Mädchen und Frauen. Sie erbringen weltweit 52% der Arbeitsleistungen, erhalten aber nur 10% des Welteinkommens und besitzen nur 1% des Eigentums. Hierzu tragen ökonomische und politische Ungleichbehandlung, aber vor allem auch die durch Tradition, Kultur und Religion bedingte strukturelle Diskriminierung bei. Der Wert der unbezahlten Frauenarbeit wird von UNDP auf rund elf Billionen $ geschätzt. Die Welthungerhilfe hat errechnet, dass in Afrika Frauen für 80% der Nahrung sorgen, aber weniger als 10 % der Felder besitzen. Das liegt an der vielen Frauenarbeit im informellen Sektor, dem großen Anteil unbezahlter häuslicher Arbeiten und an patriarchalischen Besitz- und Erbrechtssystemen. Frauen stehen in großer Abhängigkeit und doch muss mehr als jede dritte Frau ohne männliche Hilfe für die Ernährung und Erziehung der Kinder aufkommen. Hier können Kirchen handeln. Wir sehen Mann und Frau als gleichberechtigt von Gott geschaffen (Gal 3, 28).

Unser Engagement in der Entwicklungshilfe, das Einsetzen für die Millenniumsziele zur Halbierung der Armut auf der Welt, sie können Frauen im Süden helfen. Wir sollten nicht zulassen, dass Entwicklungspartnerschaft von Diktatoren oder Terroristen, aber auch nicht von Geschäftemachern und Politik missbraucht wird für eigene Ziele. Der Evangelische und der Katholische Entwicklungsdienst, Brot für die Welt, Misereor, sie alle haben inzwischen hervorragende Netzwerke aufgebaut, die Hilfe direkt zu Hilfsbedürftigen bringen. Immer wieder sehen wir ja wie beim Tsunami, dass gut gemeint nicht gleich gut gemacht ist. Die Menschen vor Ort dürfen nicht zu Objekten unseres Handelns werden, nur miteinander kann Not gelindert werden. Der Vorteil der Kirchen ist hier, dass sie vor Ort sozusagen immer schon zu Hause sind.

Ein weiteres globales Thema, das Christinnen und Christen heute herausfordert, ist der Dialog der Religionen. In Porto Alegre wird deshalb die Ökumenische Dekade zur Überwindung der Gewalt besondere Aufmerksamkeit finden. Es geht darum, dass Religionen sich endlich nicht mehr dazu verführen lassen, Öl auf das Feuer politischer Konflikte zu gießen. Selig sind die Friedfertigen, heißt es in der Bibel und Jesus sagt dem Jünger, der ihm in Getsehmane verteidigen will: Steck dein Schwert an seinen Ort! Das umzusetzen in einer Welt der Kriege und Rüstungsexporte, von Terror und Gewalt, ist sicher eine der größten Herausforderungen für Christinnen und Christen in unserer Zeit. Der Dialog mit dem Islam ist in diesem Zusammenhang dringend notwendig, gerade heute.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich konnte hier nur andeuten, wie sehr christliche Werte für unser Land und m.E. weltweit Orientierung geben auch heute und vor welchen Herausforderungen wir als Christinnen und Christen weltweit stehen. Mir liegt daran, dass unsere Kirche sich nicht in eine fromme Ecke verkriecht, sondern mit Verantwortung für unser Land und unsere Welt übernimmt. Das können wir tun, indem wir Menschen stärken, die als Christinnen und Christen Verantwortung übernehmen, ob in der Familie oder im Unternehmen, ob in der Politik, in der Wissenschaft oder in der Schule in aller Welt. Und das tun wir, indem wir Menschen in aller Welt nicht als billige Arbeitskräfte oder Märkte ansehen, sondern als Schwestern und Brüder. Es geht um Freiheit und Verantwortung vor Gott und den Menschen, um Gestaltung und Ethik.

Als die BILD titelte Wir sind Papst habe ich gedacht: Ja, das ist gut lutherisch! Nicht auf Bischöfinnen oder Pfarrer kommt es an, sondern jeder und jede einzeln sind gerufen, ihren Glauben im Alltag zu leben. Luther hat gesagt: die Besen schwingende Magd wie der Fürst, sagen wir die Erzieherin wie der Geschäftsmann. Wenn alle das täten, gäbe es sicher mehr Zukunftszuversicht, die anstehenden Probleme zu bewältigen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 


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